12 Stunden MTB-Rennen Schnaittach

Ehrlich gesagt hatte ich vor drei Wochen nicht erwartet in Schnaittach an den Start zu gehen, schon gar nicht alleine. Aber fangen wir von vorne an:

Mit großer Überraschung las ich die E-Mail in meinen Postfach: „Sie sind von der Warteliste in unser Starterfeld nachgerückt,“ stand da geschrieben.
Also rief ich gleich mein Teamkollegen Krzysztof an um zu verkünden, dass wir dabei sind. Jedoch bereitete mir Krzysztofs Gesundheitszustand sorgen, denn er hatte am Anfang der Saison beim Biken einen Oberarmbruch erlitten, der ihm immer noch zu schaffen machte.

Zwölf Stunden Rennen zu fahren geht schon nicht so ganz spurlos an einem vorbei, auch nicht an so einem harten Typ wie Krzysztof. Ein Anruf bei Arzt sollte klären, ob er starten kann.
Auch wenn die Motivation stimmte, musste er mir leider am nächsten Tag eine Absage erteilen. Die Enttäuschung war bei uns beiden groß. Aber der Arzt sagt NEIN! Gute Besserung Krzysztof!
Also versuchte ich als Ersatzfahrer meinen besten Joker auszuspielen, denn es waren mittlerweile nur noch 4 Tage bis zum Rennen, die Zeit drängte. Ich rief Stephan an, der eigentlich immer für alle Schandtaten zu begeistern ist. Er gab mir jedoch zu verstehen, dass er zwar Lust hätte, doch das Büro in absehbarer Zeit nicht verlassen könne. In meiner Verzweiflung und einem Anflug von Wahnsinn fasste ich schließlich einen Entschluss. Ich schrieb den Veranstalter an und bat darum, mich als Einzelstarter umzumelden…
 Was hatte ich nur getan!

Schon nach zwei Stunden kam die Bestätigung: „Sie stehen ab jetzt auf der Liste der Einzelstarter.“ Jetzt gab es kein zurück mehr. Zwölf Stunden im Kreis zu fahren ist an sich schon bekloppt, doch zu allem Überfluss müsste ich den Irrsinn jetzt auch noch alleine bewältigen.

Bei der Anfahrt am Freitag überkam mich dann so langsam ein flaues Gefühl. Ich wusste das Langstreckenrennen dieser Art äußerst schmerzhaft sein können. Jedoch hatte ich bis dato immer noch starke Teamfahrer an meiner Seite, die in der Wechselzone schon hungrig darauf warteten, von mir eingelöst zu werden. Wo hatte ich mich da nur reingeritten.

Samstag 8:00 Uhr fiel dann endlich der Startschuss und ich freute mich, dass ich so langsam mit jedem Kilometer meine Psyche wieder in den Griff bekam. Ich versuchte mir einzubilden, ich sei auf einer ganz normalen Wochenendtour unterwegs und hielt das Tempo dementsprechend weit unten. Die provokativen Überholmanöver der ganzen 4er und 2er Teamfahrer konnte ich mittlerweile gut ignorieren. Doch schon nach 4,5 Stunden versagte mein Bike mir den Dienst und ich merkte, wie immer mehr Luft aus dem Hinterreifen entwich. Kein Problem… dann den Rest der Runde schieben. Einer der Biker, die an mir vorbeischossen, warf mir noch ein Pannenspray zu. An dieser Stelle will ich unbekannterweise noch mal vielen Dank sagen. Doch leider nutzte das Spray bei meinem schlauchlosen Reifen wenig.

Zum Glück war ich auf solche kleinen Defekte eingestellt und konnte den Reifen in der Wechselzone schnell instand setzen. Als ich mich in die nächste Runde stürzte, schlug das Wetter schlagartig um. Der Himmel öffnete alle Schleusen und verwandelte Schnaittach innerhalb kürzester Zeit in einen Schlammkessel. Schon bald legte mir der Schlamm Schaltung und Bremsen lahm und ich kippte nach jeder Runde verzweifelt Öl auf meine Kette, um sie vor dem Schmiergeltot zu bewahren. Doch Schnaittach hatte wenig Mitleid mit mir und so sammelte ich in jeder weiteren Runde mehr Schlamm auf mein Rad und meine Schienbeine. Ich biss die Zähne zusammen, dass der Sand dazwischen nur so knirschte. Spätesten jetzt stellte ich die Anmeldung in Frage. Die Sinnhaftigkeit des Rennenfahrens war mir auf einmal nicht mehr ergründlich. Ein Plakat im Start/Ziel-Bereich auf dem stand „Alles freiwillig“ gab dem Ganzen einen sarkastischen Höhepunkt. Doch mittlerweile waren nur noch 6 Stunden zu fahren. Ich müsste nur lange genug auf dem Rad bleiben. Vielleicht werden die Streckenverhältnisse den Einen oder Anderen zur Aufgabe zwingen. Ich versuchte das Tempo noch etwas anzuziehen, denn bist jetzt lag ich weit hinten auf der Rangliste. Doch meine Beine waren inzwischen so schwer geworden, dass jeder Versuch den Puls hochzutreiben, kläglich scheiterte… ok dann einfach weiter. Ich verharrte Runde für Runde auf dem Bike und versuchte die Stunden runterzuzählen. Nach und nach fing der Körper an, alle nicht überlebenswichtigen Funktionen abzuschalten (Treten gehört offenbar auch dazu). Die Gedanken drehten sich im Kreis und der Magen verweigerte jegliche Zufuhr von Treibstoff. Schüttelfrost bei 16 Grad Außentemperatur!!! Seit einer gefühlten Ewigkeit fuhr ich ohne Zeitgefühl meine Runden. Die Nacken- und Rückenmuskulatur fühlte sich derart verspannt an, dass ich mir nicht mehr sicher war, ob ich noch ohne fremde Hilfe absteigen könnte.
Meine Rettung war schließlich der Blick auf die Uhr… noch knapp 2,5 h Stunden zu fahren. Also nur nicht stehen bleiben, dachte ich mir, denn das Ziel war auf einmal in greifbarer Nähe. Ein Licht am Ende des Tunnels für das es sich lohnte die Schmerzen noch ein paar Minuten zu ertragen.
Ich bewegte mich im Schneckentempo um den Kurs, für das ich mich auf jeder anderen Tour geschämt hätte. Aber egal, noch drei Runden!

Der Zieleinlauf war eine Wohltat und ich erntete endlich den wohlverdienten Applaus für die vielen bereits angetrockneten Schlammschichten auf meinem Körper. Auf einmal spürte ich wieder, es war nicht alles umsonst. Der Blick auf die Rangliste zeigte, dass ich mich tatsächlich noch zwei Plätze vorgearbeitet hatte. So wurde ich zumindest nicht Letzter.
 Auf der Heimreise mischten sich dann wieder die Gefühle. Einerseits froh, es geschafft zu haben, andererseits ein wenig enttäuscht von der Platzierung.

Ob ich wieder starten würde? Auf jeden Fall!!!

Konstantin

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