Mal was Anderes

Es ist Ende Juli und so langsam wird mir klar, dass der nächste Winter mit Sicherheit bald vor der Tür steht. Noch kann ich es wohl verdrängen, doch die schönen Tage, an denen man im T-Shirt auf dem Bike sitzt und mit seinen Buddies bis spät in den Abend die Trails rockt, sind gezählt.

Innere Unruhe macht sich breit. Die Abenteuerlust und Sehnsucht nach neuen Erfahrungen treiben mich an. Da kommt das Jobangebot als MTB-Guide auf der kanarischen Insel La Palma gerade recht. Und eh ich mich versehe, schicke ich auch schon eine E-Mail durchs All um klarzustellen, dass ich genau der Richtige für diese Aufgabe bin.
Zugegeben, mein derzeitiger Job als Mechaniker hat wirklich wenig mit dem zu tun, was zu den Aufgabenfeldern eines Guides zählt. Der sollte kommunikativ sein und ein feines Gespür für seine Gäste haben. Alles Eigenschaften, die im Werkstattbetrieb schnell verkümmern, wenn zu viel am Bremsenreiniger geschnüffelt wird.
Dennoch bekomme ich wenig später das OK von der Insel!

So kommt es, dass ich am 03. Oktober 2018 auf La Palma lande.
 An dieser Stelle möchte ich mich nochmal herzlich bei meinen Team in Hannover bedanken, das mir diese „Auszeit“ ermöglicht hat.
Fortan soll ich nun für die Bike Station La Palma in Puerto Naos die Mountainbiketouren führen und die Gäste mit reichlich Trailspaß versorgen. Passend zum Arbeitsbeginn muss ich jedoch erstmal eine Erkältung auskurieren, die ich aus Deutschland importiert habe. So hab ich ausreichend Zeit, den notwendigen Papierkram zu erledigen und mich im Laden einzuarbeiten.
Dann geht es endlich zum Außendienst! Erkältungen gibt es ab diesem Zeitpunkt dank des angenehm warmen Klimas nicht mehr.
Der Gedanke, dass ich von jetzt an jeden Tag im Sattel sitzen werde, gefällt mir natürlich, stellt sich aber in den folgenden zwei Wochen als sehr schmerzhaft heraus, da ich dieses Pensum noch nicht gewöhnt bin.
Ich staune auch nicht schlecht, als ich sehe, wie anspruchsvoll die Trails auf der Insel sind. Der Untergrund ist so anders als alles, was ich bis dato unter die Stollen bekommen habe. Der raue Vulkanfels liefert einen enormen Grip, ahndet aber jeglichen Bodenkontakt mit tiefen Schürfwunden. In den oberen Pinienwäldern ist der Boden meist von einem dicken Nadelteppich bedeckt. Auch der hat seine Tücken. Bei Trockenheit reißt der Grip oft unerwartet ab.
Zudem brauche ich Nachhilfe beim Spitzkehrenfahren. Die sind hier oft so eng, dass es ohne Umsetzten nicht funktioniert. Das kenne ich von meinen heimischen Flowtrails nicht.

 

Dazu kommt, dass man an einigen Stellen böse und tief abstürzen kann. Hier sollte man lieber einen kühlen Kopf bewahren! Ich brauche ein paar Tage, um mich daran zu gewöhnen. Doch es dauert nicht lange und ich mache immer öfter die Bremse auf und lass es laufen.
Nur nicht übertreiben denke ich mir, schließlich bin ich ja nicht alleine auf den Touren. Und als Hauptverantwortlicher darf ich es mir auf keinen Fall erlauben zu stürzen. Die Motivation bei den Gästen ist ja eh meinst schon sehr hoch.
Nachzuvollziehen: Allein die Vorfreude, wenn der Urlaub im geilsten Bikerevier der Welt gebucht ist. Man hat ja nur diese eine Woche und die soll voll ausgenutzt werden. Jeden Tag Vollgas. Die maximale Zerstörung in 7 Tagen. Ausgeruht wird sich später, wenn man wieder 8 Stunden pro Tag im Büro rumhockt.
Und damit sind wir auch schon bei den Schattenseiten des Berufs:
So schön es auch ist in seiner Arbeitszeit auf den Bike zu sitzen. Oft bin ich der Spielverderber, der ein vom Geschwindigkeitsrausch wildgewordenes Bikerudel wieder einbremsen muss.
Und ich will die Ausfallquote möglichst gering halten. Eine zu hohe Sturzrate macht sich auch nicht gut beim Mechaniker der Bikestation. Schließlich muss der jeden Abend das zerrockte Material wieder in Schuss bringen. Bei dem starken Verschleiß durch die Insel sowieso eine große Herausforderung!

Doch es gibt natürlich auch Gäste, die ängstlich und vorsichtig fahren. Oder mit ihrem Leistungsstand noch nicht auf den anspruchsvollen Trails zurecht kommen. Hier muss ich viel Motivationsarbeit leisten und Fahrtipps geben. Das mit den fortgeschrittenen Fahrern unter einen Hut zu bringen ist nicht immer einfach. Ich merke erstmals, wie anspruchsvoll es ist eine Gruppe so zu coachen, dass alle am Ende Spaß haben. Das Tempo richtig zu wählen und bloß keinen zu verlieren. Es ist ein anspruchsvoller Job mit viel Verantwortung und so raucht mir am Ende des Tages öfter der Kopf als die Beine.

Zum Glück ist der Zusammenhalt der Gruppe meist gut und die Stimmung ausgelassen. Gelacht wird viel! Nur technische Defekte trüben unterwegs ab und zu die Stimmung. Deswegen gibt es einen bewährten Brauch: Wer Platten fährt, zahlt den Barraquito (kanarische Spezialität aus Milch, Espresso und 43er Likör) bei der Einkehr. Auch ich als Guide habe diesem Gesetz Folge zu leisten.

Doch egal wie hart die Tour gewesen ist, am Ende gucke ich in zufriedene Gesichter. Meist wird der Abend mit einem Zielbier an der Strandbar abgerundet. Und das sind die Goldmomente, wenn alle sich kaputt und glücklich zurücklehnen und nach einem erfolgreichen Tag in den Sonnenuntergang schauen…

 

Hasta luego,
Constantin

 

 

 

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